Dresden isst fantastisch: El Rodizio

Spießr(o)utenlauf im Schlaraffenland

El Rodizio lotet die Grenzen des Hungers und der Selbstbeherrschung aus – und das macht Spaß

Das El Rodizio liegt mitten im touristischen Dresden: Kulturpalast, Schloss, Zwinger und Altmarkt sind jeweils nur einen Steinwurf entfernt. Statt sich in diesem Kontext auf sächsische Küche einzuschwören, hat sich hier eine Erlebnisgastronomiekonzept etabliert, das u. a. bereits in Los Angeles, New York, Hamburg, Berlin und Köln existiert. Dass es sich um ein Franchise handelt, lässt schon die Inneneinrichtung erahnen, die mit allerlei ungewöhnlichen Requisiten ein Ambiente schafft, das zwar nur bedingt authentisch, aber doch exotisch wirkt. Die vielen Tische des großen Gastraums sind anlässlich des All-You-Can-Eat alle besetzt. Zum Glück haben wir reserviert. Schummriges Rotlicht verleiht dem Lokal eine gemütliche Atmosphäre – gut bei intimen Gesprächen, schlecht für Schnappschüsse vom Essen.

Aufgespießt und abgehangen: ein Muss für Fleischfetischisten.

Aufgespießt und abgehangen: ein Muss für Fleischfetischisten.

Hungrige brauchen nicht lange zu warten. Im Nu steht ein großer gemischter Salat auf dem Tisch. Was in der Folge passiert, ist gewöhnungsbedürftig: alle paar Minuten treten Kellner an den Tisch, die jeweils eine Sorte gebratenes Gemüse oder gegrilltes Fleisch anbieten. Das ist einerseits kurzweilig, weil abwechslungsreich. Zudem birgt es den Vorteil, dass alles stets frisch ist, anstatt wie bei herkömmlichen Buffetts stundenlang im Rechaud zu verköcheln. Allerdings läuft man auch Gefahr, die „Stopp!“-Signale des Körpers zu ignorieren, wenn ständig neue Leckereien beinahe wie im Schlaraffenland auftauchen.

Mein Notizbuch liest sich wie das Protokoll eines mittelalterlichen Gelages: Schweinebauch, Ochse, Lamm, Hähnchen, Schwein mit Käse und Speck, Pute, Würstchen … Dazu passen auch die martialisch aussehenden, glänzenden Spieße, an denen das Fleisch zuvor unterm Grill rotierte und von denen direkt bei Tisch abgesäbelt wird. El Rodizio ist also die (angeblich) mexikanisch-brasilianisch-portugiesische Spielart dessen, was man hierzulande als Döner kennt, außer dass statt der Rotkraut-Weißkraut-Beilage eben buttrige Maiskolbenstücke auf panierte Zucchinischeiben, grüne Speckbohnen auf schwarzes Bohnenmus folgen.

Zum Glück gibt es ein rot-grünes Staffelholz, mit dem man nach Art einer Ampel der Servierwut wenigstens temporär Einhalt gebieten kann – bis man zufällig den nächsten Spieß aus dem Augenwinkel erhascht … Erst ein Stück gegrillte Ananas, ebenfalls erdolcht, markiert den Schlusspunkt unserer „Tortur“.

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Dresden isst fantastisch: ROSSINI im Hilton

Komposition für einen Komponisten

Das ROSSINI im Hilton lädt in die Hall of Fame der italienischen Küche

Vornweg ein Geständnis. Auch Kritiker landen bisweilen im Fettnäpfchen, selbst wenn die Küche gar keines serviert. Zum Glück lassen sich heutzutage blinde Flecken der kulinarischen Bildung dank Smartphone, Wikipedia und Bildersuche schon bei Tisch korrigieren. So kürzlich geschehen angesichts eines Hauptgangs, hinter dem ich eine allzu gewagte Eingebung der Küche vermutete, ohne zu wissen, dass es sich um einen altehrwürdigen Klassiker handelte.

Doch der Reihe nach. Wir befinden uns im Restaurant Rossini, im ersten Stock des Dresdner Hilton-Hotels. Der spektakuläre Blick auf den umgebenden Neumarkt mit der Frauenkirchen-Silhouette bietet den recht kühn geratenen Mustern des Teppichs und der Vorhänge die Stirn.

Rossini oder die beinah mörderische Frage, wie man das alles schaffen soll …

Rossini oder die beinah mörderische Frage, wie man das alles schaffen soll …

Zweierlei Mousse von Roter Bete und Rauke an Salatblatt und Strudelteigcracker stellt eine modern-rustikale Begrüßung dar. Ebenso eine grüne Tapenade, aus der man Oliven und Artischocken zu schmecken meint.

Frischkäse-Parmaschinken-Röllchen sehen appetitlich aus, doch leider beeinträchtigt die eiskalte Temperatur der Füllung das typische, mild-würzige Aroma und die mürbe Konsistenz des Prosciutto. Dafür ist die restliche Vorspeise eine solide Zusammenstellung mediterraner Grillgemüse auf einem Bett aus knackiger Rauke. Über den Teller verstreute Mini-Croutons besitzen keinen Mehrwert; dafür erfreut eine prächtige essbare Blüte das Auge.

Zurück zum eingangs erwähnten Missgeschick. Beim Anblick des Hauptgerichts wittere ich spätrömische Dekadenz. Denn wie hier diverse Delikatessen aufeinander getürmt sind, mutet auf den ersten Blick außergewöhnlich an. Der Stapel aus gebuttertem Toast, handballendickem Rinderfilet, einer Scheibe kurzgebratener Gänsestopfleber sowie Trüffelspänen ließe sich als „Burger de Luxe“ umschreiben. Tatsächlich handelt es sich trotz des Namens – Filet Rossini – nicht um eine Eigenkreation des Restaurants, sondern um eine recht buchstabengetreue Interpretation der „Tournedos Rossini“, welche einst ein französischer Spitzenkoch zu Ehren des Komponisten Gioachino Rossini ersann. Folgerichtig wird mein Begleiter flugs zur diebischen Elster, als er mich bei halbvollem Teller schwächeln sieht. Kein Wunder: das quasi zum Wahrzeichen des Hauses erkorene Fleischgericht ist mit bestechender Präzision zubereitet, bis hin zur tiefdunklen Madeirasauce.

Das Tiramisu wirkt dank dezenter Zitronennote überraschend leicht; kleine Würfel aus erstarrter Kaffeeessenz spielen mit einer der Hauptzutaten. Der Service ist tadellos; unter den Weinempfehlungen sollte man sich vor allem die 2012er Riesling-Spätlese aus der Ersten Lage „Kloster Heilig Kreuz“ von Schloss Proschwitz nicht entgehen lassen.

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Dresden isst fantastisch: Maron im Hotel Privat

Alchemie und Winterzauber

Das Maron erwählt sich Hildegard von Bingen zur Küchenheiligen

2013 ging das Restaurant Maron als Sieger des DNN-Wettbewerbs Dresden isst fantastisch hervor. Dass nun anlässlich dessen Neuauflage eben dieses Etablissement den Auftakt macht, ist Zufall. Die Poleposition mag bei Autorennen von Vorteil sein – eine Küche, die sich ganz den Erkenntnissen der Hildegard von Bingen (1098–1179) verschrieben hat, denkt in anderen Dimensionen.

Nicht, dass das handverlesene Team um die Hoteliers Doris und Lothar Richter die Titelverteidigung nicht mit Verve angegangen wäre. Das charmante Ehepaar stellt sich Herausforderungen gern. Dazu gehörte, sich bereits als Nichtraucherhotel zu etablieren, als dies weder gesellschaftlich noch politisch auf der Agenda stand. Dazu gehört auch, das einzige Restaurant Deutschlands zu sein, welches seine Küche konsequent nach den Hildegard’schen Lehren ausrichtet.

Winterküche fürs Wohlbefinden im Maron.

Winterküche fürs Wohlbefinden im Maron.

Dass hier manches ein wenig anders zugeht, verrät schon der gedeckte Tisch, in dessen Mitte eine Menagerie aus drei Schälchen mit geheimnisvollen Substanzen steht, mit denen man sein Essen bei Bedarf aufwerten kann. Ein Faltblatt informiert: das „süße Temperament“ der Flohsamen bekämpft die „Schwarzgalligkeit“ mittels Entschlackung; Edelkastanienmehl unterstützt mit Gerbstoffen die Leberfunktion, und das kamillenähnliche, aber scharfe Bertram „vermehrt das gute Blut und schafft klaren Verstand“.

Dass man vor so viel Alchemie keine Angst haben muss, beweist der Gruß aus der Küche. Das „Kernotto“ ist nicht etwa nach einem deutschen Designer benannt, sondern nach den Dinkelkörnern, die sich hier mit hocharomatischen Gewürzen verbinden, welche der Gaumen auf die Schnelle gar nicht alle zu identifizieren vermag. Über all dem schwebt der Hauch einer feinen Süße: es ist die Quittenglace, die gerade mal den Teller benetzt und somit fast schon neckend auf kommende Genüsse einstimmt.

Ebenso gesund und nicht minder ungewöhnlich gerät die Vorspeise, die, so absurd es klingen mag, zum Philosophieren über die Wichtigkeit von Kaugefühl einlädt. Wären die Ravioli aus Dinkelteig eine Skulptur, spräche man von Haptik: sie sind von ebenjenem mit Geschmeidigkeit gepaarten Biss, wie ihn nur handgemachte Pasta besitzt. Die Füllung aus zerkleinerten Maroni ist die ideale Ergänzung, weil sie der Erdigkeit eine natürliche Süße zur Seite stellt, was sich auch im Safran-Fenchel-Sud spiegelt.

Bisher war es nur eine Ahnung, doch der nächste Gang, zart gebratener Skrei, bringt Gewissheit: hier wurde aus der Not des jahreszeitlich eingeschränkten Angebots eine Tugend gemacht und ein wahres Wintermenü kreiert. Der perfekt gegarte Fisch zerfällt in appetitlich glänzende, gabelgerechte Scheiben. Ein Melissen-Birnen-Chutney akzentuiert, ohne das Aroma des Winterkabeljaus zu übertünchen. Dazu gereichter „hildegardisierter Salat“ klingt lustig und schmeckt fein.

War alles Bisherige nur Ouvertüre, kommt jetzt der Paukenschlag. Vor den Augen der Gäste brät Küchenchef Robert Tinagel die zuvor niedrig gegarte Lammhüfte (kein ganz unkapriziöses Stück Fleisch) in Gewürzbutter gerade so lange, bis die Tranchen rosa schimmern. Dazu Schwarzwurzeln mit Walnüssen und Spinat-Dinkel-Spätzle – deutsch, deftig und deliziös. Bodenständigkeit, die nicht bräsig daher kommt, sondern ein Gespür für Innovationen verrät, welche die Traditionen heimischer Erzeugnisse respektieren.

Fürs Dessert kommt der Flambierwagen erneut zum Einsatz. Wie über der (vorzüglich abgestimmten) Komposition von Dinkel-Crêpes an Quittenmus zuvor im temporären Dunkel die blaue Birnenbrand-Flamme geheimnisvoll schimmerte, wähnte man sich einmal mehr zurückversetzt in Zeiten, als Kräuterkundige allzu leicht als Hexen galten. Wie gut, dass Hildegard stattdessen 2012 heiliggesprochen wurde. Darauf den passenden Digestif: Petersilien-Honigwein.

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In eigener Sache: Dresden isst fantastisch 2015

Am 14. Februar beginnt die Neuauflage von „Dresden isst fantastisch“. Nachdem der kulinarische Wettbewerb 2014 pausierte, trete ich in diesem Jahr die Nachfolge meines geschätzten Kollegen Ulrich van Stipriaan an, der diese Aktion bis 2013 mit geschultem Gaumen und spitzer Feder begleitete.

Mir fällt damit die durchaus nicht unangenehme Aufgabe zu, acht Wochen lang 19 Restaurants in Dresden und seinem Umland zu besuchen, um eigens kreierte Gourmet-Menüs zu kosten und anschließend jeweils freitags in den Dresdner Neuesten Nachrichten vorzustellen. Mit Genehmigung des Verlages erscheinen die Beiträge anschließend auf dem Sprachschmarrn-Blog.

Restaurants bei Dresden isst fantastisch 2015

Die Datumsangaben beziehen sich auf die sogenannten „offenen Abende“, zu denen außer mir und DNN-Verlagsleiter Armin Stroeve auch andere DNN-Leser die Menüs in geselliger Runde verkosten. Natürlich kann man auch zu anderen Zeiten gehen. (Bereits veröffentlichte Berichte werden nach und nach verlinkt.)

Bereits stattgefunden haben:

  • 17.02. Moritz
  • 19.02. Schlossrestaurant, Moritzburg
  • 24.02. Alte Meister

Anstehende Termine:

  • 03.03. Schmidt’s
  • 05.03. Ratskeller, Dohna
  • 10.03. Genuss Atelier
  • 12.03. Goldener Hahn, Finsterwalde
  • 17.03. Steigenberger Hotel de Saxe
  • 19.03. Julius Kost, Grumbach
  • 24.o3. Taschenberg Palais-Bistro
  • 26.03. Genusswerk, Pirna
  • 31.03. Gasthaus am Neumarkt
  • 02.04. Schlosshotel Pillnitz

Ohne „offenen Abend“:

  • El Rodizio
  • Espitas
  • Lesage
  • Maron
  • Rossini
  • Romantik-Hotel Deutsches Haus, Pirna
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„Es gibt kein Zurück“: Leben mit PEGIdA

Dieser Text erschien ursprünglich im Wochenmagazin FORUM. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung.

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Tag des offenen Denkmals 2014: Buntes Leben und kostbares Grau

Ein Museum für Theodor Rosenhauer als zukünftiger Mittelpunkt eines städtebaulich einmaligen Ensembles

Von oben im Uhrzeigersinn: Das zukünftige Rosenhauer-Museum?; Dr. Anja Osiander mit Rosenhauer-Porträt; Alttrachau gemalt von Th. Rosenhauer.

Von oben im Uhrzeigersinn: Das zukünftige Rosenhauer-Museum?; Dr. Anja Osiander mit Rosenhauer-Porträt; Alttrachau gemalt von Th. Rosenhauer.

Bildhübsch ist es hier, schmuck und dennoch nicht schnieke. Trotzdem ist Alttrachau einer jener Stadtteile, der trotz namhafter Persönlichkeiten und prominenter Fürsprecher weiterhin als Dresdner Geheimtipp gilt.

In Alttrachau fügen sich aktuelle Debatten wie Denkmalpflege, Dorfkernverschönerung, Freiraumerhaltung, Baulanderschließung, Naturschutz und Gentrifizierung zu einem Schachbrett urbanen Wandels, auf dem das Austarieren diverser Anliegen dem Spiel der Könige gleicht.

Gleichsam wie unter einem Brennglas fokussieren sich diese z. T. komplementären, z. T. auch widerstreitenden Interessen im ältesten original erhaltenen Gehöft Alttrachaus. Obschon undatiert, ist es als Fachwerkhaus mit Oberlaube über einem Erdgeschoss aus Bruchsteinmauerwerk bauhistorisch bedeutsam. Bis Ende der 1980er Jahre bewohnt, ist es heute in einem ruinösen Zustand. So weit, so schlecht.

Doch nun plant eine Bürgerinitiative, hier ein Museum für den Maler Theodor Rosenhauer (1901–1996) einzurichten, der Trachau nicht nur zu seinem Lebensmittelpunkt gemacht, sondern dort auch quasi sein gesamtes Leben in ein und derselben Wohnung gelebt hatte.

Obwohl Theodor Rosenhauer schon zu Lebzeiten vom Publikum geschätzt und von Kollegen verehrt wurde, verhinderten Umstände wie die Zerstörung eines Großteils seines Frühwerks im Krieg sowie sein bescheidenes Naturell, dass er in der Kunstgeschichte bisher den Platz einnimmt, der ihm in der Dresdner Malerei, aber auch überregional gebührte. Malerkollege Curt Querner sprach bewundernd von den „kostbaren Grautönen“, die Rosenhauer wie kein Zweiter beherrsche und an denen sich die wahre Meisterschaft eines Malers zeige. Es ist Anliegen und Hoffnung des Museums zugleich, endlich ein Oeuvre zugänglich zu machen, das bis dato großteils im Depot schlummert. Es wäre ein weiterer Schritt hin zu einer breiteren Rezeption dieses Dresdner Chronisten, der sein Trachau, aber auch dessen Bewohner beinahe zärtlich festhielt. Rosenhauer empfand es zeitlebens als Fluch, dass ausgerechnet jene „Ecken“, die er festhielt, durch Verfall oder Abriss verschwanden. Insofern wäre der Erhalt des Gehöfts sicher in seinem Sinne.

Dr. Anja Osiander, Vorsitzende des Hufewiesen Trachau e. V., betont, dass das Anwesen aufgrund seiner Lage am alten Anger und der unmittelbaren Nachbarschaft zu den Hufewiesen Teil eines Ensembles ist, welches es in dieser Form kaum noch gibt, und das daher besonders erhaltenswert ist.

Obwohl das Anwesen am Tag des offenen Denkmals nicht zugängig sein wird, soll ein Infostand im gegenüber liegenden „Hensels Garten“ sowie ein Parcours mit Rosenhauer-Motiven entlang des Angers eine spielerische Ideensuche für das künftige Museum ermöglichen. Speck und frisches Lehmofenbrot, häufige Rosenhauer-Motive, runden das Gesprächsangebot kulinarisch ab.

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Tag des offenen Denkmals 2014: Sozialismus in Farbe und 2-D

Ein Wandgemälde aus der Zeit, als der Idealismus der DDR noch nicht zu Propaganda erstarrt war

Alfred Hesse und Erich Gerlach, »Wilhelm Pieck spricht zu den Studenten« (1953/54), Wandgemälde im Potthoff-Bau, Dresden.

Alfred Hesse und Erich Gerlach, »Wilhelm Pieck spricht zu den Studenten« (1953/54), Wandgemälde im Potthoff-Bau, Dresden.

„Ostigen“ Charme besaß der Potthoff-Bau auch in Nachwende-Zeiten. Die hölzernen Bankreihen in den Hörsälen knarzten erbarmungslos. Die Cafeteria im Keller (das legendäre „U-Boot“) durchwehte stets der Dunst warmgehaltener Bockwürste.

Jetzt, in den Semesterferien, gibt die Stille einen angemessenen Rahmen für den sozialistischen Klassizismus des 2012 sanierten Baus ab. Doch so steif die Repräsentationsgesten dieser Architektur bisweilen wirken, gibt es gerade hier eine andere Seite der frühen DDR zu entdecken: Hoffnung auf die Zukunft, Glaube an die Jugend. Während ringsumher noch Ruinen standen, malte die Nachkriegs-DDR sich ihre Zukunft in bunten Farben aus, was man hier ganz wörtlich nehmen darf.

Der Fritz-Foerster-Platz ist heute vor allem Verkehrsknoten und Autobahnzubringer. Daher geschieht es eher selten, dass Studierende den großen Hörsaal über den Richtung Platzseite vorgelagerten Haupteingang betreten. So aber entgeht ihnen das Glaubensbekenntnis dieser Lehrstätte: ein großes Wandgemälde mit dem gewichtigen Titel »Wilhelm Pieck spricht zu den Studenten« (1953/54), das sich über zwei Stockwerke hinzieht.

Dennoch ist das Bildprogramm weit entfernt von indoktrinierender Propaganda wie dem stadtbekannten „Weg der roten Fahne“ an der Westseite des Kulturpalastes. Für Wilfried Sitte, der sich als Restaurator dieses Werks von Alfred Hesse und Erich Gerlach eingehend mit dessen Ikonographie beschäftigt hat, ist es frei von Zynismus. Anfang der 50er Jahre glaubt die junge DDR noch an sich selbst, an ein Auferstehen gerade kraft jener Jugend, die an der Universität ausgebildet werden sollte. Unter den Dargestellten finden sich kaum Alte. Dass die Studenten für heutige Begriffe altbacken wirken, entspricht den Tatsachen: eine zeitgenössische Aufnahme zeigt junge Männer in Anzügen aus schwerem Tuch just vor dem Gemälde, welches sie prototypisch porträtierte. Ganz modern hingegen der Bahnhof im Hintergrund mit seinem Anknüpfen an den Bauhaus-Stil.

Ein sich vertikale durchs Bild ziehender Riss ist nicht etwa eine Alterserscheinung, sondern dokumentiert das allmähliche Setzen der noch frischen Fundamente und authentifiziert so die zeitgleiche Entstehung von Gebäude und Gemälde. Bei der Sanierung und Restaurierung wurde dies bewusst nicht ausgebessert oder retuschiert.

Obwohl auf eine originalgetreue Sanierung des Vorraums sichtlich Wert gelegt wurde, gibt es doch eine Dissonanz zwischen der Farbstimmung des Wandbildes (man denke sich eine Palette etwa wie aus Picassos blauer und rosa Periode), die aus der feinen Lebendigkeit des lasierenden Auftrags der Leimfarben herrührt, und den absolut deckenden, wie tot wirkenden Farbflächen der restlichen Mauern.

Die Gründe hierfür sind nur einer der vielen Fakten, zu denen sich Interessierte am Tag des offenen Denkmals aus erster Hand informieren können.

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Veranstaltungshinweis in eigener Sache: Detlef Kluttig, LEBENS(K)REISE

Anlässlich des morgigen Tag der Autobahnkirchen, der unter dem Motto „Reise. Segen.“ steht, zeigt die Stiftung Leben und Arbeit in der Wilsdruffer Jakobikirche eine Ausstellung des Leipziger Künstlers Detlef Kluttig. Sie trägt den Titel Lebensk(r)eise, und ich freue mich sehr, die einleitenden Worte auf der Vernissage zu sprechen.

Plakat zu Detlef Kluttigs Ausstellung Lebensk(r)eise.

 

Informationen

  • Detlef Kluttig, Lebensk(r)eise
  • Ort: Jakobikirche, Am Ehrenfriedhof, 01723 Wilsdruff
  • Eröffnung: 5. Juli 2014, ca. 15 Uhr (im Anschluss an einen Gottesdienst).
  • Einführung: Kathrin Muysers, M. A.
  • Ausstellungsdauer: 6. Juli – 5. Oktober 2014

*Der Ausstellungsort ist mir in guter Erinnerung: 2011 hatte ich dort die Rede zur Ausstellung Heilige für Heute der Künstlerin Linda Schwarz gehalten und war so erst auf dieses sächsische Kleinod gestoßen.

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Tag des offenen Denkmals 2013: Partybunker mit Aussicht

Eine spleenige Idee haucht dem Hochbehälter Ockerwitz neues Leben ein

An einem Feldweg am Rande Dresdens ist zur Zeit, und nur zur Zeit (und danach nie wieder), etwas sichtbar, das die letzten hundert Jahre unter einem grasbewachsenen Hügel verborgen lag und bald wieder bedeckt sein wird. Die massive Stampfbetonstruktur krönt ein auffälliges, wellenförmiges Dach. In den vorgelagerten Eingangsturm ist eine eigentlich ebenerdige Eisentür eingelassen, die momentan sinnbefreit mehrere Meter über dem Bodenniveau schwebt. Angesichts des sandfarbenen Monoliths sucht man zwangsläufig nach Analogien: Germanischer Tempel? Prähistorisches Raumschiff? Luftschutzbunker? Die Wirklichkeit ist nicht viel weniger spektakulär.

Tatsächlich handelt es sich um einen von vier Wasserhochbehältern, mittels derer bis in die 1960er Jahre die Wasserversorgung Dresdens reguliert wurde. Dieser 1901 entstandene Bau des Ingenieurs C. Jensen ist unter den Erhaltenen der Einzige von gestalterischer Bedeutung. Er befindet sich im Dresdner Westen, auf der Ockerwitzer Anhöhe. Bekannt sind ja die Omsewitzer Streuobstwiesen; den Weg hierher säumen die Gewächshäuser von Gärtnereien, die sich schon damals in der Gegend angesiedelt hatten. Sie trugen zu Abnahmeschwankungen bei, die das Bauwerk nach dem Prinzip der Kommunizierenden Röhren ausglich – denken Sie an ein Stück Schlauch, in dessen beiden Enden das Wasser jeweils gleich hoch steht.

Seit 2011 ist der Hochbehälter als Denkmal ausgewiesen, was jedoch den Eigentümer des Grundstücks, auf dem es sich befindet, nicht davon abschreckte, einen beinah aberwitzigen Plan zu entwickeln. Zu diesem Zweck wurden bereits große Mengen Erdreich zur Schaffung von Lichtschächten ausgebaggert, sowie meterhohe Aussparungen in die gewaltigen Wände des Bassins geschnitten, das einst 500 m2 Wasser speichern konnte.

Rico Beranek führt uns ins Innere; unter dem Tonnengewölbe des 12 mal 18 Meter großen und vier Meter hohen Raumes nimmt man dem groß gewachsenen Mann gerne ab, dass er den schieren Dimensionen des Projekt gewachsen ist. Skeptisch versucht man sich vorzustellen, dass in dem ungemütlichen, bunkerartigen Gemäuer bereits im nächsten Jahr eine Pension entstehen soll, bis Beranek erläutert, dass er sich hier einen Partyraum vorstellt (Techno! schießt es einem unweigerlich durch den Kopf). Hierzu müssen vor allem die Mauern trockengelegt und eine Möglichkeit zur Schalldämmung gefunden werden, denn noch hallt es mächtig.

Die Pension selbst soll in einem überirdischen Gebäude untergebracht werden, dessen moderne Architektur sich die Aussicht in den Zschoner Grund zunutze machen wird. Der Plan mag spleenig sein, aber es sind solche Ideen, die Denkmälern ein zweites Leben schenken. Beranek betont denn auch, dass sich das Amt für Denkmalschutz unter Leitung Bernhard Sterras stets sehr aufgeschlossen zeigte.

Informationen

  • Hochbehälter Ockerwitz
  • Ursprünglich als Sonderbeilage des Amtes für Kultur und Denkmalschutz in der Sächsischen Zeitung erschienen.
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Tag des offenen Denkmals 2013: Reformbaukunst mit Spritzputz

Der Förderverein der Heilandskirche Dresden-Cotta ist stolz auf sein unbequemes Denkmal

Es wäre falsch zu sagen, dass die Heilandskirche in Dresden-Cotta nicht schön sei. Aber angesichts des gedrungenen Bauwerkes stellt Ablehnung oft die erste und durchaus nachvollziehbare Reaktion dar. Wem es ebenso ergeht, der sollte am kommenden Sonntag Hans-Martin Schulze zuhören, wenn jener über „seine“ Kirche spricht.

Der Vorsitzende des Fördervereins Heilandskirche Dresden-Cotta e. V. hat es nicht weit, wohnt er doch schon ein gutes Jahrzehnt im Pfarrhaus, das gemeinsam mit dem Gemeindehaus und der Kirche ein Ensemble aus einem Guss bildet. Tatsächlich ist es das Früheste seiner Art in Dresden. Auch und gerade deswegen war es bereits in den 1980er Jahren unter Denkmalschutz gestellt worden. Doch erst 2009 gründete sich der Verein, der sich die Innensanierung zum Ziel gemacht hat. Neben der Behebung statischer Mängeln sollen Haustechnik (Heizung, Akustik) sowie die farbliche Gestaltung erneuert werden.

Mindestens so ungewöhnlich wie das Bauwerk an sich ist dessen wechselvolle Geschichte. 1899 erwarb die Gemeinde das Grundstück. Ein erster, neogotischer Entwurf hatte noch ganz im Zeichen des 1861 gefassten Eisenacher Regulativs gestanden, demzufolge Kirchenneubauten in den als germanisch geltenden Stilen des Mittelalters zu erfolgen hätten. 1908 wurde dieser Plan verworfen und ein Wettbewerb unter Dresdner Architekten ausgerufen. Obwohl Rudolf Kolbe nur den 8. Platz belegte, wurde sein Entwurf realisiert. Kaum begonnen, endeten die Bautätigkeiten mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Erst 1927 konnte die Kirche geweiht werden.

Sie repräsentiert ein herausragendes Zeugnis jener Architektur, die erst seit wenigen Jahren unter dem Begriff „Reformbaukunst“ vom Jugendstil abgegrenzt wird und eigene Wertschätzung erfährt. Neben einer gesteigerten und doch schlichten Monumentalität, die im vorliegenden Fall z. B. im denkmalartigen Turm und einem frei gegliederten Baukörper zum Ausdruck kommt, ist der Verzicht auf direkte Stilverweise zugunsten vager Assoziationen mittels barockisierender oder klassizierender Elemente charakteristisch für die Reformarchitektur. Zum Vergleich: weitere Beispiele dieser neuen, freieren Bauauffassung findet man in Dresden im Beyer- und Fritz-Förster-Bau der Technischen Universität sowie im Festspielhaus Hellerau verkörpert.

Da der Sakralbau von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs verschont blieb und es in der Folge aufgrund Geldmangels lediglich zu behutsamen Eingriffen kam, ist das Ensemble weitgehend stilrein erhalten. Überraschend authentisch ist auch der grobe Spritzputz von 1988/89, der zwar DDR-typisch wirkt, tatsächlich aber dem sogenannten „Erlweinputz“ nachempfunden wurde.

Denkmalschutz, das ist nicht irgendeine Behörde. Dahinter stehen auch Menschen wie Hans-Martin Schulze, die einen die eigene Stadt mit anderen Augen erleben lassen.

Informationen

  • Heilandskirche Cotta
  • Ursprünglich als Sonderbeilage des Amtes für Kultur und Denkmalschutz in der Sächsischen Zeitung erschienen.
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