Birkensaft unterm Lindenbaum

Der Kosakenhof im Dresdner Hechtviertel hält einiges an Überraschungen bereit.

Sakuska (russische kalte Spezialitäten, besonders geeignet zum Wodka).

Sakuska (russische kalte Spezialitäten, besonders geeignet zum Wodka).

Erste Eindrücke können täuschen – zum Glück. Unter den Lokalen der belebten Rudolf-Leonhard-Straße geht man am Kosakenhof allzu leicht vorüber: von außen wirkt der Innenraum ziemlich folkloristisch. Dennoch, der gute Ruf des Restaurants machte die Runde, so dass wir es schließlich wissen wollten.

Samstag Abend, der Gastraum ist leer: kein gutes Zeichen. Doch wir werden sogleich nach hinten durchgewunken: treppauf, einen verwinkelten Gang entlang, treppab: voilà! Hier haben sich also alle versteckt: unter den ausladenden Zweigen einer alten Hinterhoflinde sitzen die Gäste um rustikale Tische.

Wirtin Jelena „Lena“ Oettel kam vor einem Vierteljahrhundert aus der Ukraine nach Deutschland; seither bemüht sie sich mit ihrem deutschen Ehemann Andreas Schwenke als Mittlerin der Kulturen. Beim Bestellen setzt sie sich zu uns und nimmt sich Zeit für eine Erläuterung aller Gerichte, die auf der Karte stehen, plus der preiswerten Tagesgerichte.

Zu Beginn ein Klassiker: eine Fleischsoljanka, die den Wursteintopf aus Mensazeiten nachträglich zum Schämen in die Ecke verweist. Die Herren Begleiter bekommen einen Teller Sakuska kredenzt: eine Auswahl deftiger Wurst- und Gemüsespezialitäten. Die winzigen Patisson-Kürbisse, Pilze, Tomaten und eine ganze Knoblauchknolle sind sauer eingelegt, was lustig auf der Zunge bizzelt. Laut Küchenhistoriker Pochlebkin ist die wichtigste Zutat einer Sakuska-Tafel der Wodka, den man hier 100-grammweise bestellt. Als (beinahe) alkoholfreie Alternativen gibt es zunächst Birkensaft (schmeckt wie Wasser mit homöopathischer Geschmackskomponente), sodann Kwas (leicht gegorener Brottrunk, Malzbier nicht unähnlich).

Unsere Hauptgerichte reichen vom Bekannten übers Unbekannte zum Skurrilen. Da alles frisch zubereitet wird, sollte man sich auf Wartezeiten einstellen. Pelmeni mit Hack- sowie Spinatfüllung, das kennt man – hier kommen sie erkennbar nicht aus der Tiefkühltruhe. Schon eher maultaschengroß sind die von Molketeig umhüllten Mantı, die man im Ganzen zum Mund führen soll, wo die Füllung aus Fleischstücken und flüssiger Butter erst ihren Geschmack entfaltet. Sie werden mit zweierlei Soßen gereicht, von denen vor allem die süß-saure Kefirsoße mit Kräutern begeistert. Voller Aroma steckt auch der „besoffene Kosak“: in Wein geschmortes Fleisch, das mit Grillgemüsen in Blätterteig gebacken wird. Nach so viel Deftigem befriedigen Wareniki, mit Sauerkirschen oder Quark gefüllte Teigtäschchen, unseren süßen Zahn. Dazu kredenzt Lena Ebereschenlikör. Solche Gastfreundschaft ist unbezahlbar; die Rechnung erfreulicherweise durchaus. – Einzig ein Pferd für den Nachhauseritt fand sich nicht.

Süß und süffig: Ebereschenlikör.

Süß und süffig: Ebereschenlikör.

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4 Antworten auf Birkensaft unterm Lindenbaum

  1. Lydia sagt:

    Wie gut, dass ich heut Abend gut gegessen habe, sonst wär mir das Wasser aus den Mundwinkeln noch auf die Tastatur getropft! Soljanka, Sakuski, Pelmeni, Manty und Wareniki – das klingt nach siebtem Genießerhimmel.

    Aber die Ostslawen und ihre Birken! Nicht genug, dass sie sie in Volksliedern besingen, sich in der Banja mit ihren Zweigen kasteien und schon im Mittelalter Mitteilungen und Verträge in ihre Rinden ritzten. Jetzt trinken sie auch noch Birkensaft?! Wie wird der denn hergestellt? Und warum muss ich auf einmal an ein Haarwasser gegen Schuppen denken?

  2. Pingback: Falscher Hase, ganz korrekt | TRANSLArTE

  3. Leider hat der Kosakenhof seit Ende November seine Pforten geschlossen.

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