Wenn es in diesem Sommer bei Grillfesten herzhaft und deftig zuging, waren meine selbst gemachten Quitten-Pickles aus Niederpoyritzer Quitten eine aromatische Alternative zu Ketchup und Senf. Die in den selbst gestalteten Etiketten verwendete Geschichte vom Kauz und der Katze stammt aus dem Kinderreim „The Owl and the Pussycat“, der im angelsächsischen Raum als Klassiker der Kinderliteratur gilt. Deren Schöpfer, der Dichter und Zeichner Edward Lear, ist hierzulande weitgehend unbekannt, wiewohl seine Verse und Illustrationen in etwa mit denen Wilhelm Buschs vergleichbar sind.
In den für ihn typischen Nonsens-Versen erzählt Lear also vom Kauz und der Katze, die sich auf eine Reise begeben:
The Owl and the Pussy-cat went to sea
In a beautiful pea green boat,
They took some honey, and plenty of money,
Wrapped up in a five pound note.
Unterwegs heiratet das Fell-und-Federn-Paar und begeht schließlich sein Hochzeitsmahl:
Auf der Suche nach einer deutschen Übersetzung stieß ich ich auf die interessanten Ausführungen Christiane Bergfelds, die über die spezifische Problematik beim Übersetzen von Kinderliteratur Erhellendes schreibt:
Englische Kinderreime werden gern übersetzt, aber sehr oft völlig verschieden, und der Inhalt weicht meistens stark vom Original ab. Das nennt sich dann vornehm Nachdichtung statt Übersetzung […]
Da solche Reime von ihrem Rhythmus leben, ist es wichtig, dass die Übersetzung auch
[…] in der Zielsprache gefällig klingt und bei Kindern gut ankommt, ohne Rücksicht auf die ursprünglichen Dramatis personae oder das Vokabular.
Bei unserem Beispiel kommt die Schwierigkeit hinzu, dass das Wörtchen „runcible“ eine Wortschöpfung Lears ist, die man also streng genommen gar nicht übersetzen kann, weil es das Wort nicht gibt. Wie viel Arbeit und wahres Kopfzerbrechen das für Übersetzer bedeutet, legt Christiane Bergfeld anschaulich dar:
Im vorliegenden tierischen Nonsensvers von Edward Lear kommt eine Wortschöpfung des Dichters vor, ein runcible spoon, ein Esswerkzeug, das gleichzeitig Löffel und Gabel sein soll.* Darum habe ich im dritten Vers „Die gabel- und löffelten sie” getextet. Normalerweise unsinniges und ungrammatisches Deutsch, aber dem runcible spoon meiner Meinung nach angemessen. Oder angegessen? Natürlich ginge auch eine deutsche Neuprägung. Wie wäre es denn mit
Die Katze steckte wie das Käuzchen
Den Zinkenlöffel sich ins Schnäuzchen?
Doch nein, das ist ja viel zu lang – das Original widmet dem Zwei-in-eins-Besteck nur eine Zeile, und außerdem hat das Käuzchen doch kein Schnäuzchen. Also, da capo:
Zum Schnäbelchen führt nun das Löffelgäbelchen - na, wer wohl? Erraten! Das Käuzchen. Und den Zinkenlöffel sich die Katz ins Schnäuzchen … Ach nein, das zieht sich ja immer mehr in die Länge. Bleiben wir bei gabel- und löffelten sie. Das ist so schön kurz und bündig. Short and to the point. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann göffeln sie noch heute.
*„ein Esswerkzeug, das gleichzeitig Löffel und Gabel sein soll“: dies stellt nur eine mögliche Interpretation dar, die allerdings aus Lears Schriften und Zeichnungen nicht eindeutig hervorgeht.
Wer neugierig ist, wie Lears Klassiker denn nun auf Deutsch lautet, lese bitte Christiane Bergfelds schöne Übersetzung.
Übrigens: als gäbe es nicht schon genug Parallelen zwischen den beiden Autoren, findet sich in Wilhelm Buschs Naturgeschichtlichen Alphabet ebenfalls ein Nonsens-Vers zum Thema Quitten:
Die Quitte stiehlt man bei der Nacht
Das Quarz sitzt tief im Berges-Schacht
Irgend etwas müssen diese gelben Früchte an sich haben … und wie das nun wohl auf Englisch klänge?


Schön zu lesen! Hast du den Wiki-Eintrag zu “runcible” gefunden? Wird also offensichtlich auch von anderen gern verwendet, obwohl semantisch ziemlich unklar. Interessant.
Kinderreime überzeugend zu übersetzen empfinde ich im Übrigen als eine hohe Kunst. Danke für die Beispiele.
Den Wiki-Artikel hatte ich im Satz „Bei unserem Beispiel kommt die Schwierigkeit hinzu, dass das Wörtchen „runcible“ eine Wortschöpfung Lears ist“ verlinkt. Ich finde das sprachlich auch sehr interessant. Ob es wohl im Deutschen vergleichbare Beispiele gibt? Ich konnte keine finden. Busch, Jandl, Ringelnatz, Morgenstern?
Vielleicht auch bei Kästner oder Tucholsky? Bin auch noch auf der Suche…
Gute Idee. Bin schon gespannt.
Pingback: Max Goldt und goldene Marmelade: Quitten-Etiketten-Basteln | Journal ohne Ismus
Du fragst, wie Wilhelm Buschs Quitten-und-Quarz-Reim wohl auf Englisch klänge? Na, dann lassen wir doch die englische Nacht aufgrund der Ungereimtheit in den englischen Schacht stürzen, dann bleiben uns immer noch die Q-Wörter:
Some foods (they say) have hints of quince.
A horse will eat no quartz, but quarts.
Ok, das ist jetzt weit hergeholt, aber what shall’s: http://www.andgoodis.com/2010/09/21/americans-eat-stupid/
Ach, und: http://www.42.org/~sec/own/handout.html / http://www.42.org/~sec/own/referat.html (der Autor ist ein olles Usenet-Urgestein. Oder ein uriges Usenet-Ollgestein).
Dazu ein Farbholzschnitt:
#wedding quince http://bit.ly/e6EN0B
Oh ja! Gefällt mir auch sehr gut, ganz ehrlich! Danke.